„Erinnerst du dich noch an deine Grundschulzeit?“

Eine scheinbar einfache Frage, die bei vielen Menschen Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit weckt. Für Julius Ayen war die Freie Schule für lebendiges Lernen nicht nur ein Lernort, sondern ein Erfahrungsraum, der seinen Werdegang wesentlich mitgestaltete.

In diesem Gespräch wirft der 24-jährige einen Blick zurück auf seine Schulzeit und die Frage, was aus heutiger Sicht besonders wertvoll erscheint. Wie selbstständig durften Schüler damals lernen? Welche Soft Skills entstehen, wenn Kinder mitgestalten dürfen? Und wie bereitet ein solches Lernkonzept auf die Anforderungen der weiterführenden Schule und des späteren Lebens vor?

Auch wenn sich die Pädagogik in den letzten 15 Jahren weiterentwickelt hat, bleibt eines aktuell: die wertschätzende Grundhaltung dem Kind gegenüber, der Fokus auf Gemeinschaft und soziale Kompetenzen und der Freiraum beim Lernen, der heute stärker von klaren Strukturen getragen wird.

Julius Ayen gewährt uns einen persönlichen Rückblick in diese prägenden vier Grundschuljahre. Ein authentischer Einblick in eine Lernform, deren Wirkung bis heute in ihm nachwirkt.

Julius, wann warst du auf der Freien Schule für Lebendiges Lernen Altenriet?

Ich war meine komplette Grundschulzeit dort, von September 2007 bis Juli 2011.

Auf welche weiterführende Schule bist du nach der Grundschule gegangen?

Auf die Realschule Neckartenzlingen.

Was machst du jetzt?

Ich studiere Lehramt, Sekundarstufe 1 mit den Fächern Politikwissenschaft, Geografie und Erziehungswissenschaft. Nach dem Studium möchte ich ins Referendariat gehen und dann ins Berufsleben einsteigen.

Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Ruhig aber kommunikativ, organisiert, offen, fair, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Erinnerst du dich noch an deine Grundschulzeit? Wie hast du den Unterricht erlebt – konntet du selbst entscheiden, woran du arbeitest oder gab es feste Vorgaben?

Ich konnte in meiner Erinnerung nahezu komplett selbstständig entscheiden, wo und wann ich was lerne. Es gab Vorgaben, wie das Lernen der (Schreib)schrift usw. aber man hatte viele Freiheiten. Später gab es noch „klassischen“ Englischunterricht von einer Native Speakerin, ich glaube in der 3. und 4. Klasse.

Gab es Momente, in denen du dich besonders selbstständig oder eigenverantwortlich gefühlt hast? 

Prinzipiell war das der Alltag. Ich weiß noch, dass ich damals, als ich in der vierten Klasse war, die Verabschiedung von Edith [Anm. d. Red.: gemeint ist die Verabschiedung der heutigen Schulleiterin in die Elternzeit] moderiert habe. Da habe ich mich sehr eigenverantwortlich und selbstständig gefühlt. Aber auch im Alltag war das in meiner Erinnerung ein prägendes Gefühl, welches aber nicht immer nur positiv war. Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Eigenverantwortlichkeit auch eine Herausforderung sein kann, der zumindest ich als Kind nicht immer Herr wurde.

Wie wurdest du auf die weiterführende Schule vorbereitet? Fühltest du dich gut vorbereitet auf den Wechsel?

Ohne dass ich eine bestimmte Art von Vorbereitung nennen kann, hatte ich in der fünften Klasse keine Schwierigkeiten, mich in der neuen Struktur und den Gegebenheiten zurechtzufinden. Meiner Erinnerung nach gab es in der vierten Klasse dann vermehrt Frontalunterricht, sodass man sich an die „Regelschule“ gewöhnen konnte. 

Hast du das Gefühl, dass du in der Schule für lebendiges Lernen besser gelernt hast, mit anderen zusammenzuarbeiten (im Vergleich zu den anderen Schüler*innen der weiterführenden Schule)?

Das Gefühl habe ich, ja. Bevor ich in die Grundschule gegangen bin, war ich sehr schüchtern und zurückhaltend. Das hat sich dann aber bis zur benannten Moderation der Verabschiedung extrem gewandelt. Ich kann nicht sicher sagen, ob es an der Regelschule auch so gelaufen wäre, aber ich kann es mir nicht vorstellen. 
Allein schon das offene Unterrichtskonzept der Freien Schule regt Kinder an, zu partizipieren und zusammen zu lernen, zwingt sie aber auch nicht dazu. Das empfinde ich im Nachhinein als sehr positives Konzept für mich persönlich, auch wenn ich es mir nicht für jedes Kind gut vorstellen kann. Ich habe das Gefühl, dass „Soft-Skills“ in der Schule in Altenriet genauer im Blick sind und besser gefördert werden, als in damaligen Grundschulen.

Gab es besondere Projekte oder Aktivitäten, die dir geholfen haben, deine Interessen zu entdecken und zu verfolgen?

Da gab es einige, die mir aber auch nicht mehr alle einfallen. Die Werkstatt bei Dieter [Anm. d. Red.: Pädagoge in Rente] natürlich, die Pausen in denen man sich sportlich betätigen konnte, die Lesenacht, das Streitschlichterprogramm, das Mitlaufen beim Umzug des Brezelmarkts und vieles mehr.

Wie würdest du das Verhältnis zu den Lehrern beschreiben? 

Ich hatte immer das Gefühl, dass man als Kind respektiert und geschätzt wurde. An spezifische Situationen kann ich mich aber nicht mehr erinnern. 

Würdest du die Freie Schule für lebendiges Lernen anderen Kindern empfehlen? Was war für dich der größte Vorteil gegenüber einer Regelschule?

Ich würde sie definitiv empfehlen. Ich selbst bin auch sehr dankbar, dass ich dort auf der Grundschule war, ich bin allerdings auch froh darüber, dass ich danach auf einer Regelschule war. Ich habe für mich das Gefühl, dass die Kombination der Schularten ein guter Weg ist, und vermutlich auch für viele andere, um gut auf den Alltag und das Berufsleben vorbereitet zu werden. 
In der freien Schule in Altenriet wurde viel Wert auf die Bildung von Soft Skills und prozessbezogene Kompetenzen gelegt. Da sehe ich das größte Defizit bei Regel-Grundschulen. Gerade in der Grundschule sind diese Kompetenzen aber wichtig, da sie einem die restliche Schullaufbahn und das ganze Leben erleichtern. Während in meiner Grundschulzeit fachlich das ein oder andere wenig gefördert wurde, wurde ich bei oben genannten Kompetenzen in meiner Erinnerung stets gut gefördert. Und das empfinde ich als wichtiger für die Grundschule. 
Außerdem kristallisierte sich durch die freie Lernzeit klar meine Stärken und Interessensgebiete heraus, auch wenn sie für manchmal weniger motivierte Schüler wie mich auch Zeit zum Pause machen bot… Damals war ich schon gern im Geografie- und Kosmos-Bereich und jetzt studiere ich es. Hätte es einen Politik-Bereich gegeben, wäre ich dort mit Sicherheit auch schon gewesen 😉 

Ich würde die Freie Schule für lebendiges Lernen als Grundschule definitiv allen weiterempfehlen.